Wie kommen Arzneimittelrückstände in die Gewässer?

Toilettenspülung

Dass Arzneimittelrückstände in Gewässern vorkommen, ist ein ungewollter Nebeneffekt ihres bestimmungsgemäßen Gebrauchs. Damit Arzneimittel im Körper wirksam werden können, müssen genügend Wirkstoffmoleküle in der erkrankten Zelle ankommen, bevor sie im Körper abgebaut werden. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Arzneimittel auf Stabilität optimiert. Deshalb werden die Wirkstoffe nicht vollständig im menschlichen Körper abgebaut, sondern vorwiegend über den Urin wieder ausgeschieden. So gelangen Rückstände von Humanarzneimitteln ins Abwasser von Haushalten und Krankenhäusern.

Die  gewünschte Stabilität der Moleküle erschwert aber auch ihren biologischen Abbau in unseren Kläranlagen, die ja für die Beseitigung von biologisch abbaubaren Stoffen und Nährstoffen konzipiert wurde: Viele der bisher untersuchten Wirkstoffe werden gar nicht, andere nur zum Teil entfernt. Gelangen die stabilen Moleküle mit dem Ablauf der Kläranlagen in die Flüsse und Seen, können sie ihren Weg in das Grundwasser und schließlich über das Trinkwasser in geringsten Mengen zurück zum Menschen finden.

In welchen Mengen kommen Arzneimittelrückstände in Gewässern vor?

Wird viel von einem Arzneimittel verbraucht, können seine Rückstände in nahezu allen Gewässern gefunden werden. Es werden daher oft Schmerzmittel, Antibiotika, Blutdruck senkende Mittel und Psychopharmaka in Deutschlands Flüssen gemessen – insgesamt sind es bisher über 150 verschiedene Wirkstoffe.

Die Wirkstoffe werden im Fluss zum Beispiel durch Mikroorganismen und Sonneneinstrahlung zwar teilweise abgebaut. Dennoch gelangen einige Wirkstoffe mit dem Flusswasser auch ins Grundwasser. Dort sind sie besonders unerwünscht, da im Grundwasserleiter kaum noch ein natürlicher Abbau mehr stattfindet. Sie können so über lange Zeiträume im Wasserkreislauf bleiben und in Spuren womöglich ins Trinkwasser gelangen.

Die gemessenen Konzentrationen schwanken zwischen wenigen milliardstel und einigen millionstel Gramm pro Liter – das ist etwa dieselbe Konzentration, die man erhält, wenn man fünf Zuckerwürfel im Berliner Wannsee auflöst. Auch wenn diese Konzentrationen gering erscheinen – sie können Wasserlebewesen bereits nachhaltig schädigen.

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Welche Gefahren bestehen für die Umwelt?

Barsch

Die in Flüssen gemessenen geringen Arzneimittel-Konzentrationen können Wasserlebewesen dauerhaft schädigen. Dies zeigt das Beispiel des in den meisten hormonellen Verhütungsmitteln eingesetzten Wirkstoffs Ethinylöstradiol: Es wurde nachgewiesen, dass der Stoff zur Verweiblichung von männlichen Fischen beiträgt. Dieser Effekt wurde besonders deutlich, wenn die Tiere in der Nähe von Kläranlagenabläufen leben. Weiterhin sind bei Fischen auch Nierenschäden durch das schmerzstillende Mittel Diclofenac oder Verhaltensänderungen durch Psychopharmaka beobachtet worden.

Welche Gefahren für die Tier und Pflanzenwelt insgesamt bestehen, lässt sich jedoch nur schwer abschätzen. Dies liegt vor allem daran, dass derzeit noch nicht genügend aussagekräftige wissenschaftliche Daten vorliegen. Diese Daten zu erheben ist aufwändig, denn es geht nicht nur um hunderte verschiedener Arzneimittelwirkstoffe, sondern auch um deren vielfältige Abbauprodukte.

Nach dem heutigen Wissenstand kann nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Tier- und Pflanzenarten besonders empfindlich auf bestimmte Arzneimittelrückstände in Gewässern reagieren.

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Kommen Arzneimittelrückstände im Trinkwasser vor?

Leitungswasser

In deutschen Trinkwasserproben konnten Arzneimittelrückstände bisher nur sehr vereinzelt gemessen werden. Mit wenigen milliardstel Gramm pro Liter befanden sich jedoch deutlich weniger Rückstände in diesen Proben als in Flüssen oder im Grundwasser. Entscheidend ist: Die Messungen wurden nur an ausgewählten Standorten durchgeführt. Von einer flächendeckenden Belastung des deutschen Trinkwassers kann daher nicht gesprochen werden.

Trinkwasser wird in Deutschland zu gut zwei Dritteln aus Grundwasser gewonnen. Der Rest stammt vor allem aus Oberflächenwasser und so genanntem Uferfiltrat, eine in Ufernähe gewonnene Mischung aus Grund- und Flusswasser. Letzteres ist in der Regel deutlich stärker mit Arzneimittelrückständen belastet als Grundwasser. Bei Wasserwerken, die Oberflächenwasser oder Uferfiltrat nutzen, ist die Gefahr daher größer, dass einzelne Wirkstoffe in geringsten Mengen bis ins Trinkwasser gelangen. Mit gezielten  Aufbereitungstechniken wie etwa der Aktivkohlefiltration können diese geringen Mengen herausgefiltert werden.

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Gefährden Arzneimittelrückstände im Trinkwasser die Gesundheit?

Arzneimittel werden bei der Zulassung nicht nur daraufhin geprüft, ob sie therapeutisch wirksam sind, sondern auch, ob sie unerwünschte Nebenwirkungen haben. Es kann nach einhelliger Expertenmeinung nahezu ausgeschlossen werden, dass Gesundheitsgefährdungen durch solche Nebenwirkungen auftreten, wenn belastetes Trinkwassers getrunken wird.

Ein einfaches Rechenbeispiel verdeutlicht das: Der in Mitteln zu Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzte Wirkstoff Carbamazepin wurde vereinzelt in Trinkwasserproben in Konzentrationen von maximal 30 milliardsteln Gramm pro Liter gemessen; trinken wir zwei Liter Wasser am Tag, würden wir auf diesem Weg in 70 Jahren nur wenige Tausendstel der zur Behandlung empfohlenen Tagesdosis (etwa 600 Milligramm) aufnehmen.

Ob auch bei diesen extrem kleinen Dosen bisher unbekannte Effekte auftreten könnten, ist bisher jedoch noch nicht erforscht.

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Wie sieht die aktuelle Rechtslage aus?

Beantragt ein Hersteller die Zulassung eines neuen Arzneimittels, muss er nach europäischem Recht auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchführen. Allerdings kann die Zulassung auch dann nicht verweigert werden, wenn dabei ein Umweltrisiko festgestellt wird. Der Gesetzgeber hat hier dem Gesundheitsschutz den Vorrang vor dem Umweltschutz eingeräumt – eine Regelung, die jedoch nur für Human- , nicht aber für Tierarzneimittel gilt.

Anders als etwa bei Pestiziden gibt es derzeit in Deutschland auch keine verbindlichen Grenzwerte für Arzneimittelrückstände in Oberflächen-, Grund- und Trinkwasser. Insgesamt bietet die bestehende Rechtslage nur wenig Möglichkeiten, Gewässer und Umwelt effektiv vor Arzneimittelrückständen zu schützen.

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